Ein europäisches Netzwerk entsteht: Die ersten Briefe

40 Jahre Jobsharing – Etappe 8 von 9
Im Dezember 1987 war EURO-TZA e.V. offiziell eingetragen und als gemeinnützig anerkannt. Aus einer Idee, die während meines Aufenthalts beim Europäischen Parlament in Luxemburg entstanden war, war nun eine Organisation geworden. Doch eine Organisation ist nur so lebendig wie die Menschen, die hinter ihr stehen. Und die Menschen meldeten sich.
Neun Länder, neun Namen
Schon während meiner Zeit als Robert-Schuman-Stipendiatin hatten André aus den Niederlanden und ich darüber nachgedacht, wie wir das Thema Jobsharing europäisch voranbringen könnten. Wer beschäftigte sich bereits mit neuen Formen der Arbeitszeitgestaltung? Wer könnte Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner in den einzelnen Ländern sein? Gemeinsam mit anderen Stagiaires (Praktikanten) und einigen Funktionären (Beamten) des Europäischen Parlaments entstand unser erstes europäisches Netzwerk. Vertreterinnen und Vertreter aus neun Ländern erklärten sich bereit, den Gedanken der europäischen Zusammenarbeit zu unterstützen
• Dänemark – Pernille
• Frankreich – Nadine
• Griechenland – Theophile
• Großbritannien – Joanne
• Irland – Carol
• Italien – Marco
• Niederlande – André
• Spanien – José-Maria
• West-Deutschland Marie-Therese
Diese Liste war für mich mehr als eine Namensliste. Sie war ein Versprechen. Jede Person dahinter hatte signalisiert: Ich bin dabei. Ich glaube daran. Das hatte Gewicht – gerade weil damals noch niemand wusste, wie das alles konkret aussehen würde.
Ein Brief aus Cork, Irland
Dass aus dieser Idee tatsächlich eine Zusammenarbeit entstehen würde, zeigte sich schon wenige Wochen später. Ende Dezember 1987 erhielt ich den ersten Brief von Carol aus Cork in Irland. Sie war – genau wie ich – Stagiaire beim Europäischen Parlament gewesen, und wir hatten uns in Luxemburg gut kennengelernt.
„Hi Marie-Therese … I am glad to hear that the European cooperation for promoting new forms of parttime job splitting, job sharing etc is taking off. It is a really marvelous concept and one which I think would be most applicable in Ireland where at present new ideas on employment have to evolve given the grave unemployment problem here which is about 17% of the population. I am enclosing a photo as you requested. I’m not quite sure what you mean by a short discription of my personality, I think you mean my qualifications which are as follows …"(Schreiben von Carol, Cork (Irland), 30. Dezember 1987 (Original))
Carols Brief berührte mich. Sie schrieb mitten in den Weihnachtstagen und sie schickte sogar ein Foto mit. Was mich am stärksten beeindruckte, war ihr Blick auf Irland: 17 Prozent Arbeitslosigkeit. In einem Land mit dieser Last, schrieb Carol, könnten neue Ideen zur Beschäftigung nicht warten. Jobsharing war für sie kein akademisches Konzept. Es war eine Antwort auf eine dringende Frage.
Ein Brief aus Athen, Griechenland
Es war ein unscheinbarer Umschlag, der eines Morgens im Januar 1988 in meinem Briefkasten lag – abgestempelt in Athen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich ihn öffnete: ein handgeschriebener Brief von Theophile, der von unserer Vereinsgründung gehört hatte und wissen wollte, wie die Zusammenarbeit organisiert werden sollte. Ob man in jedem Land einen eigenen Verein brauche. Ob es vielleicht auch einfachere Wege gäbe. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Mit der Eintragung von EURO-TZA e.V. hatte die eigentliche Arbeit erst begonnen. Der Verein war offiziell gegründet, als gemeinnützig anerkannt, der Vorstand stand. Aber ein europäisches Netzwerk entsteht nicht durch Paragrafen – es entsteht durch Menschen, die einander finden. Theophile (visiteur, Rechtswissenschaften) hatte ich in Luxemburg bei verschiedenen Veranstaltungen des Europäischen Parlaments kennengelernt – lebhaft, neugierig, immer zu einer Diskussion bereit. Und er hatte eine besondere Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Mehr als einmal hatte er mir in Luxemburg gesagt, mit einem Lächeln, das zwischen Ernst und Charme nicht zu unterscheiden war: „Eine Frau wie Du muss unbedingt Französisch sprechen.“ Ich hatte gelacht. Und die Sache auf sich beruhen lassen. Nun, Monate später, schrieb er mir aus Athen. Und blieb sich treu.
„Hallo liebe Marie-Therese … … Es freut mich das du schon in Deutschland ein Verein gegründet hast. Natürlich stehe ich in deinen Verfügung für Zusammenarbeit über das Job-Sharing. Du muss aber mich besser informieren wie wird diese Zusammenarbeit laufen etc … Ich habe im moment keine Passfoto, werde ich aber eine sofort machen lassen. Was ist mit deinem Projekt für die Gründung einer Federation? Muss ich immer meinerseits ein griechische Verein gründen oder ist es nicht mehr nötig? Es ist mir nicht so leicht auf deutsch zu schreiben. Du muss dringend Französisch lernen. Ich warte auf deine Nachrichten …"(Schreiben von Theophile, Athen (Griechenland), 4. Januar 1988 (Original))
Dieser letzte Satz. Ich musste lachen, als ich ihn las. Und ich lache noch heute, wenn ich den Brief in die Hand nehme. Theophile schrieb, wie er sprach: direkt, herzlich, ohne Umwege. Was in Luxemburg ein persönlicher Zuspruch gewesen war – „Eine Frau wie Du muss unbedingt Französisch sprechen“ – war nun, auf Papier gedruckt und aus Athen nach Oldenburg geschickt, zur freundschaftlichen Forderung geworden. Er hatte natürlich recht. Aber vor allem zeigte dieser Brief etwas, das mich bis heute berührt: Hier schrieb jemand als Freund. Jemand, dem das Projekt – und mir persönlich – etwas bedeutete.
Diese Briefe machten mir bewusst, wie groß die Herausforderung war – und wie real die Gemeinschaft bereits war. Kein Internet, keine E-Mails. Jeder Kontakt lief über handgeschriebene oder getippte Briefe. Fotos wurden per Post verschickt. Bis eine Antwort eintraf, vergingen oft Wochen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hatte jeder Brief Gewicht.
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