1983Mein Anfang mit JobsharingLesezeit ca. 4 Minuten

Pionierin in Deutschland: Wie alles begann

Bild: © Universität Oldenburg / Matthias Hornung
Aus der Reihe

40 Jahre Jobsharing – Etappe 1 von 3

Es begann mit einem Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe. Während einer Ringvorlesung zum Thema Arbeit an der Universität Oldenburg referierte Herr Hoff, ein Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums Berlin über eine damals weitgehend unbekannte Arbeitsform: Jobsharing. Er verteilte ein discussion paper „Job-sharing als arbeitsmarktpolitisches Instrument: Wirkungpotential und arbeitsrechtliche Gestaltung. Im Hörsaal hörten manche interessiert zu, andere eher skeptisch, viele gleichgültig. Ich konnte den Gedanken nicht mehr loslassen.

Zwei Menschen teilen sich freiwillig eine qualifizierte Stelle. Verantwortung gemeinsam tragen. Wissen teilen statt Konkurrenzdenken. Was für viele nach einem unrealistischen Experiment klang, fühlte sich für mich nach einer Antwort an — auf Fragen, die mich damals schon beschäftigten und die heute aktueller sind denn je. Damals ahnte ich noch nicht, dass dieser eine Nachmittag im Hörsaal der Beginn einer über 40-jährigen Reise sein würde.

Der erste wissenschaftliche Schritt

Meine erste schriftliche Auseinandersetzung mit Jobsharing entstand im Rahmen eines Projektseminars zur Regionalentwicklung im Nord-West-Raum. Die Hausarbeit trug den Titel: „Alternative und/oder ergänzende Maßnahmen zur Lösung regionaler Arbeitsmarktungleichheiten" Schwerpunkt: Schätzung neuer Arbeitsplätze durch Jobsharing am Beispiel des Arbeitsamtsbezirks Bremerhaven (WS 1983/84) Doch das reichte mir nicht. Ich wollte tiefer einsteigen — das Thema aus allen Blickwinkeln beleuchten. Welche rechtlichen Fragen entstehen? Welche organisatorischen Voraussetzungen braucht Jobsharing? Welche Chancen gewinnen Unternehmen dadurch? Welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat diese Arbeitsform?

So entstand meine Diplomarbeit: „Jobsharing – rechtliche, einzel- und gesamtwirtschaftliche Aspekte" (1984)"

Forschen ohne Internet — und warum mich das noch mehr faszinierte

Die Recherche war alles andere als einfach. Und das meine ich wörtlich. Es gab kein Internet. Keine Suchmaschinen. Keine digitalen Datenbanken. Keine KI, die in Sekunden Quellen liefert. Wer damals zu einem Nischenthema forschen wollte, musste sich die Informationen Stück für Stück zusammensuchen — mit viel Geduld und oft auch mit Glück.

Der größte Teil der relevanten Literatur zu Jobsharing stammte aus den USA, wo die Arbeitsform Ende der 1960er Jahre entstanden war und sich seitdem langsam verbreitete. In Deutschland war das Thema kaum dokumentiert. Viele Bücher und wissenschaftliche Aufsätze standen nicht einmal in der Universitätsbibliothek Oldenburg. Ich musste sie per Fernleihe von anderen Universitäten anfordern — und manchmal wochenlang auf einzelne Veröffentlichungen warten. Rückblickend war genau das vielleicht ein Grund dafür, warum mich Jobsharing so tief packte: Es fühlte sich an wie etwas, das noch niemand in Deutschland richtig zu Ende gedacht hatte. Wie ein Thema, das darauf wartete, entdeckt zu werden. Und während ich las, wartete und recherchierte, stellte ich mir Fragen, die in der damaligen deutschen Diskussion kaum jemand stellte: Warum sollten sich nicht auch qualifizierte Fachkräfte und Führungskräfte Verantwortung teilen können — nicht als Notlösung, sondern als bewusste Entscheidung? Warum mussten berufliche Entwicklung und persönliche Lebensgestaltung eigentlich Gegensätze sein?

Ein Deckblatt als Startpunkt

Das Deckblatt meiner Diplomarbeit — überarbeitet, aber original — hängt heute noch in meiner Erinnerung wie ein Zeuge jener Zeit. Ein Dokument aus einer Ära, in der Jobsharing in Deutschland noch kaum ein Begriff war. Für mich war es der erste greifbare Beweis: Ich hatte etwas zu Papier gebracht, das es in dieser Form noch nicht gab. Die Arbeit wurde noch mit der Schreibmaschine erstellt.

Deckblatt der Diplomarbeit, mit der Schreibmaschine getippt
Das Deckblatt meiner Diplomarbeit, 1984. Bild: © Marie-Therese Herbers

Die unerwartete Bestätigung

Nachdem ich meine Diplomarbeit abgeschlossen und das Studium der Diplom-Wirtschaftswissenschaften beendet hatte, klingelte immer wieder das Telefon. Das Prüfungsamt der Universität Oldenburg rief an: Andere Studierende hätten Interesse an meiner Arbeit gezeigt und fragten, ob sie ihnen weitergegeben werden dürfe. Ich fand das damals fast selbstverständlich — und erkannte erst viel später, was dieser Moment bedeutete. In einer Zeit, in der Jobsharing in Deutschland kaum bekannt war, hatte ich eine der ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit diesem Thema vorgelegt. Eine Arbeit, die andere lesen wollten. Eine Arbeit, die etwas ausgelöst hatte. Das war 1984. Es war erst der Anfang.

Was als nächstes kam

Meine Diplomarbeit öffnete Türen — und stellte zugleich neue Fragen. Wenn Jobsharing in Deutschland noch so unbekannt war: Wo hatte diese Arbeitsform eigentlich ihre Wurzeln? Wer hatte sie entwickelt? Und welche Erfahrungen gab es bereits — jenseits des Atlantiks?

Im nächsten Teil meiner Reihe gehe ich einen Schritt zurück und zeige, wo Jobsharing wirklich begann: nicht in Deutschland, nicht in der Schweiz — sondern in Kalifornien.


Du möchtest wissen, was diese Erfahrung für Deinen Weg bedeutet?

Kontakt aufnehmen